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Ratgeber · Metallbau-Wissen · Technikgeschichte

Eisen in Westfalen und im Siegerland

Zwischen Sieg, Lenne und Ruhr wird seit rund 2.500 Jahren Eisen gewonnen. Im Siegerland standen in der Eisenzeit die größten bekannten Verhüttungsöfen Europas, im Sauerland im Spätmittelalter die dichteste Hüttenlandschaft des Kontinents. Aus diesem Gewerbe gingen das Drahtgewerbe von Altena und die Stahlindustrie des Ruhrgebiets hervor. Der Eisenerzbergbau an Sieg und Wied endete 1965.

Dipl.-Ing. (FH) Thorsten W. Recklebe

Dipl.-Ing. (FH) Thorsten W. Recklebe
Aktualisiert am

Die allgemeine Entwicklung der Eisengewinnung lässt sich an einer Region besonders dicht verfolgen: am rechtsrheinischen Schiefergebirge zwischen Sieg, Lenne und Ruhr. Hier liegen Erz, Wald und Wasserkraft nah beieinander.

Eisenzeit: Verhüttung im Siegerland

Im Siegerland wurde seit der Eisenzeit Eisen verhüttet, wohl ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. und in großem Umfang ab dem 4. und vor allem 3. Jahrhundert v. Chr.1 Ein Forschungsprojekt des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, der LWL-Archäologie für Westfalen und der Ruhr-Universität Bochum hat diese Eisenwirtschaft von 2002 bis 2020 untersucht.1 Am Gerhardsseifen bei Siegen-Niederschelden wurden zwei kuppelförmige Verhüttungsöfen mit Schlackenhalde, Schmiedeplatz und Röstgrube ausgegraben.2 Die Siegerländer Öfen gelten als die größten bekannten Verhüttungsöfen ihrer Zeit in Europa; ein Kuppelofen maß innen 1,20 m im Durchmesser und war knapp 2 m hoch.31

Mittelalter: Floßöfen und Hauberg

Im Märkischen Sauerland sind über hundert Standorte früher Floßöfen bekannt – die höchste Dichte solcher Hütten im spätmittelalterlichen Europa.4 Die beiden Öfen an der Kerspetalsperre aus dem 13. und 14. Jahrhundert hatten bei 3 m Außendurchmesser nur 0,80 m Innenweite.4 Den Brennstoff lieferte im Siegerland die Haubergswirtschaft, eine genossenschaftliche Niederwaldwirtschaft, die heute im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes steht.5

Frühe Neuzeit: Osemund, Draht und erhaltene Hütten

Aus dem Roheisen der Floßöfen wurde im Sauerland Osemund gefrischt, ein weiches, gut schmiedbares Eisen. Es ging von Lüdenscheid nach Altena und wurde dort zu Draht gezogen; in Iserlohn entstanden daraus Nadeln, Ösen und Ketten.6 Zwei Hütten dieser Zeit sind erhalten: die Wendener Hütte von 1728, deren Hochofen bis 1866 lief, und die Luisenhütte in Balve-Wocklum, 1758 in Betrieb genommen und bis 1865 zur Roheisenerzeugung genutzt. Sie gilt als älteste vollständig erhaltene Holzkohle-Hochofenanlage in Deutschland.78

Eisen im Eggegebirge

Auch am Rand des Paderborner Landes wurde Eisen gewonnen. Im Eggegebirge bei Altenbeken ist die Eisengewinnung seit 1392 belegt; die letzte Hütte wurde 1926 stillgelegt. Gegossen wurden dort vor allem Öfen und Ofenplatten.9

Industrialisierung: von der Hütte zum Revier

1758 floss in der St.-Antony-Hütte in Oberhausen zum ersten Mal Roheisen aus einem Hochofen des späteren Ruhrgebiets.10 Am 20. November 1811 gründete Friedrich Krupp in Essen seine Gussstahlfabrik.11 In Bochum entwickelte Jacob Mayer den Stahlformguss und meldete ihn 1851 zum Patent an; berühmt wurden seine Glocken aus Gussstahl.12 Der erste Kokshochofen des Reviers entstand 1848/49 auf der Friedrich Wilhelms-Hütte in Mülheim an der Ruhr.13 Am 22. September 1879 wurde in Hörde, zeitgleich mit Duisburg-Meiderich, die erste Thomasschmelze in Deutschland erblasen.14

Das Ende von Bergbau und Hochofen

Der Eisenerzbergbau an Sieg und Wied endete am 31. März 1965 mit der Schließung der letzten Gruben.15 In Hattingen stellte der letzte Hochofen der Henrichshütte 1987 den Betrieb ein; ein Kokshochofen von 1939 ist dort als ältester des Ruhrgebiets erhalten.16

Dieser Beitrag vertieft einen Abschnitt der Geschichte der Metallverarbeitung. Wie ein Rennofen arbeitet, erklärt der Beitrag Wie funktioniert ein Rennofen?

Quellen

  • Universität Münster, Abteilung für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie: Mittelalterliche Eisenverhüttung im Märkischen Sauerland. uni-muenster.de
  • Deutsches Bergbau-Museum Bochum: Latènezeitliche Eisenwirtschaft im Siegerland (Projektseite). bergbaumuseum.de
  • Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Pressemitteilung vom 2. April 2019 zu den Grabungen am Gerhardsseifen. lwl.org
  • Informationsdienst Wissenschaft: Eisenverhüttung im Siegerland (Tagungsmeldung). idw-online.de
  • LWL: Industriekultur in Stadt und Land (Ostwestfalen-Lippe), Eisenhütte Altenbeken. lwl.org
  • Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Luisenhütte Wocklum. denkmalschutz.de
  • Gemeinde Wenden: Wendener Hütte. wenden.de
  • Stadt Lüdenscheid: Drahthandelsweg. luedenscheid.de
  • LVR-Industriemuseum: St. Antony-Hütte. lvr.de
  • thyssenkrupp Steel: Chronik. thyssenkrupp-steel.com
  • Neue Deutsche Biographie: Mayer, Jacob. deutsche-biographie.de
  • Rheinische Industriekultur: Friedrich Wilhelms-Hütte, Mülheim an der Ruhr. rheinische-industriekultur.com
  • Museum des Heimatvereins Hörde: Thomasbirne (Objektbeschreibung). museum-digital.de
  • Schäfer, A.: Das Ende des Siegerländer-Wieder Erzbergbaus vor 50 Jahren (2015). qr-kultur.de
  • LWL: Henrichshütte Hattingen. lwl.org
  • Kultusministerkonferenz: Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe (Stand März 2020). kmk.org

Einzelnachweise

Die Kurzangaben verweisen auf die vollständigen Titel unter „Quellen“.

Footnotes

  1. Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Latènezeitliche Eisenwirtschaft im Siegerland. ↩ ↩2 ↩3

  2. Informationsdienst Wissenschaft, Eisenverhüttung im Siegerland. ↩

  3. Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Pressemitteilung vom 2. April 2019. ↩

  4. Universität Münster, Mittelalterliche Eisenverhüttung im Märkischen Sauerland. ↩ ↩2

  5. Kultusministerkonferenz, Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe. ↩

  6. Stadt Lüdenscheid, Drahthandelsweg. ↩

  7. Gemeinde Wenden, Wendener Hütte. ↩

  8. Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Luisenhütte Wocklum. Die Stiftung spricht von der ältesten vollständig erhaltenen Hochofenanlage Europas, die NRW-Stiftung von der ältesten bekannten Holzkohlen-Hochofenanlage Deutschlands. ↩

  9. LWL, Industriekultur in Stadt und Land, Eisenhütte Altenbeken. ↩

  10. LVR-Industriemuseum, St. Antony-Hütte. ↩

  11. thyssenkrupp Steel, Chronik. ↩

  12. Neue Deutsche Biographie, Artikel „Mayer, Jacob“. ↩

  13. Rheinische Industriekultur, Friedrich Wilhelms-Hütte. ↩

  14. Museum des Heimatvereins Hörde, Objektbeschreibung Thomasbirne. ↩

  15. Schäfer 2015. ↩

  16. LWL, Henrichshütte Hattingen. ↩